»Fighting For Our Rights Together« Nadiye Ünsal – A Portrait

I am Nadiye. I am the daughter of a Gastarbeiter (guest worker). My father came at the end of the 60ies to Germany as a minor. He is kind of an archetype of a worker – he has been working in the same factory since 40 years. He has been in the same enterprise and done the same work for decades. He is employed in the tractor industry. My parents are a typical couple from Central Anatolia, who lived in a village and moved to Mannheim in Baden-Württemberg to have a better future for themselves. Like a lot of other people today who come to have more possibilities for themselves and their families.

I am the first daughter of these two people. I was born in Mannheim and went to school there. I graduated from high school there – the first one in our family to do so. Then I studied, because my parents expected that from me, of course. They didn’t want me to grow up as poor and destitute as them. I studied cultural anthropology and migration research and learned a lot: about the history of »guest workers« and refugees, about the politics of the European Union and Germany; about the situation of workers in Germany and how they are treated, and about racism and discrimination.

I started to protest at a quite young age. The first protest I participated in was in 2001, against the war in Iraq. There were demonstrations and I just went there. The next protest I was part of was because of the studies. In Frankfurt am Main where I had been studying, they wanted to introduce tuition fees for everybody, and I knew: If these tuition fees come, again only white, German or European, rich people are able to study, and all of us – migrants or foreigners or people from the Global South – cannot study anymore because it would be too expensive. And that’s why I participated in many protests, but always as an individual. I wasn’t part of a group, because I didn’t really feel good in most of the student organizations. They were very »German«. I couldn’t identify with them.

Later I lived and studied in Turkey – quasi in the origin country of my parents. That was quite good. And then I moved to Berlin to finish my master’s degree. In 2011 a scandal became public: For ten years migrants had been killed by a group of organized Nazis. This is known as NSU scandal. When I saw that in the newspapers I was really shocked: Nazis got money from the German secret agency to have arms and kill people like my father. That made me very angry. I’ve started to organize myself in a group: with migrants and other people who experienced racism.
Ever since I’ve been active in the Bündnis gegen Rassismus (Alliance against racism) and doing actions against racism and the European border regime. Then the Oranienplatz protest camp started, of which I was also part and did many activities. I saw a lot of violence there – of the police, against refugees. All that politicized me a lot.

Now I’m still active in small groups and in the Bündnis gegen Rassismus. I am still politically engaged with the situation of refugees, but I also try to work with families who are affected by racist killings and who still fight for their rights. The fight for rights is very inspiring for me, because we as people who are not seen as Germans here always have to fight for our rights. And this is my connection to the struggles of refugees. I’ve never passed the asylum system, but I know what it means when you do not get everything for free and when you have to fight for your rights.

And this is why I’m always happy when I can collaborate with refugee and migrant women**, because we are facing many forms of discrimination at the same time and we don’t have access to many rights at the same time. For example the women* who were left behind through the NSU killings, they are all widows with Turkish origins who are now without family, without victims’ rights or compensations from the state. And many refugee women* also arrive here without family, or they are separated from their family but still have to take care of them. I think if we tell our stories together, we have more strength to fight for our rights together, and to open this society for our concerns. So that they finally understand that we have always been and will always be here.

Miriam Gutekunst

Bericht von der Demo Gegen G20 am 10. Juni in Berlin

Bei 30° Hitze, ungefähr um 15 Uhr, begann eine riesige Menge den Potsdamer Platz zu besetzen. Ein Ort, der im Herzen der Berliner Hauptstadt liegt, nicht weit von der Bundeskanzlerin… Dieser Ort könnte ein Bezugspunkt für die historischen Konflikte sein, in die Deutschland verwickelt war.

Hier, heute und ein weiteres Mal, vermischen sich die Gefühle, man kann Menschen unterschiedlicher
Herkünfte und Horizonte erkennen, mehr als die Hälfte der Demonstrierenden sind Frauen*, die in den letzten Jahrzehnten bereitwillig die Spitze der sozialen Kämp­fe für globale Gerechtigkeit und die Gleichheit der Geschlechter einnehmen…

In der Tat steht der Aufruf zur Demo im Zusammenhang mit dem Gipfeltreffen der mächtigen G20-Länder, welches diese für den 7.- 8. Juli in Hamburg arrangiert haben, einer Stadt mit ungefähr 1.800.000 Einwohner*innen in Norddeutschland. Zweifelsohne rechtfertigen die wahren Beweggründe dieses Treffens der politischen Supermächte der internationalen Politik das Vorherrschen immigrierter und geflohener Frauen* hier am Potsdamer Platz.

Die Debatten über Terrorismus und Immigration beherrschen nach wie vor den politischen Raum. Und,
Deutschland, als erstes Aufnahmeland in Europa, erweitert unaufhörlich seine Strategien zu einer Erschwerung der Aufnahme von Migrant*innen.

2016 war in dieser Hinsicht noch schwieriger, denn die Zahlen zeigen, dass in dieser Periode die Aufnahmekapazitäten für geflüchtete Menschen im Vergleich zu den Vorjahren um das Fünffache reduziert wurden. Und die Bedingungen für Aufgenommenen haben sich immer weiter vom Humanismus entfernt.
Dies findet übrigens auch in dem Bericht der Bundes­therapeutenkammer (BPTK) Beachtung, in welchem
steht: „Mehr als 40-50% der in Deutschland lebenden Geflüchteten leiden unter psychologischen Traumata.“

Die soziale Atmosphäre wird schwerer und die Frauen werden am meisten von den politischen Folgen verletzt! Das sind einige der Beweggründe, die die Aktivist*innen motiviert haben, ihren Verdruss im Inland zum Ausdruck zu bringen und sich dem Gegenstück dieser Abschoеtungspolitik, der Externalisierung z.B. durch Hilfen oder andere Pläne auf dieser Ebene, entgegen zu stellen. Afrika braucht die vollständige Unabhängigkeit – politisch, ökonomisch und energetisch. Es ist offensichtlich, dass Migration mehrere Faktoren hat, unter denen der wichtigste die schlechte internationale Politik bleibt, darin inbegriffen die Entscheidungen, die auf solchen Gipfeln wie dem der G20 getroffen werden.

Diese geflüchteten Frauen* hatten auf den Aufruf von Afrique Europe Interact für den 10. Juni gegen den G20 Gipfel in Hamburg reagiert. Das ist z.B. der Fall bei Dora, einer Frau aus Kamerun, die sich sehr offen und mit viel Energie per Mikrofon zu Wort meldete und erklärte: »Deutschland ist unter den politisierten Ländern das sexistischste, es nimmt keine Rücksicht auf die geflüchteten Frauen*, die in seinem Territorium leben. Zahlreich sind die, die voller Verzweiflung in einem traumatisierenden System überleben.«
Ein weiterer Beitrag von Natalie von NST (NoStressTour) erklärte ebenso: »Das Leben geflüchteter Frauen* im Lager in Deutschland ist psychologisches Gift, das die Frauen und ihre Kinder strategisch zerstört.«

Seit den letzten zwei Jahren haben das Sterben und die Selbstmorde geflüchteter Menschen in Deutschland einen Höchststand erreicht, dennoch gibt es bis heutzutage kein Zeichen dafür, dass sich die Situation verbessert!
Die Demonstration ging vom Potsdamer Platz los, vorbei am Checkpoint Charlie und erreichte schließlich den Oranienplatz. All diese Orte waren strategisch anvisiert um die Botschaft an möglichst viele Menschen zu tragen, einschließlich der Tourist*innen, die kommen um von der Freiheit zu profitieren, und auch um sich an all die Orte zu erinnern, die Siege über den Nazismus und den Kapitalismus beherbergt haben.
Die Polizei war bis zum Ende Teil der Demonstration und manche Botschaften wurden von den Frauen* auch direkt an sie adressiert, denn es ist möglich Polizist*in zu sein und trotzdem ein*e gute*r …

Bericht von der Demo Gegen G20 am 10. Juni in Berlin

Bei 30° Hitze, ungefähr um 15 Uhr, begann eine riesige Menge den Potsdamer Platz zu besetzen. Ein Ort, der im Herzen der Berliner Hauptstadt liegt, nicht weit von der Bundeskanzlerin… Dieser Ort könnte ein Bezugspunkt für die historischen Konflikte sein, in die Deutschland verwickelt war.

Hier, heute und ein weiteres Mal, vermischen sich die Gefühle, man kann Menschen unterschiedlicher
Herkünfte und Horizonte erkennen, mehr als die Hälfte der Demonstrierenden sind Frauen*, die in den letzten Jahrzehnten bereitwillig die Spitze der sozialen Kämp­fe für globale Gerechtigkeit und die Gleichheit der Geschlechter einnehmen…

In der Tat steht der Aufruf zur Demo im Zusammenhang mit dem Gipfeltreffen der mächtigen G20-Länder, welches diese für den 7.- 8. Juli in Hamburg arrangiert haben, einer Stadt mit ungefähr 1.800.000 Einwohner*innen in Norddeutschland. Zweifelsohne rechtfertigen die wahren Beweggründe dieses Treffens der politischen Supermächte der internationalen Politik das Vorherrschen immigrierter und geflohener Frauen* hier am Potsdamer Platz.

Die Debatten über Terrorismus und Immigration beherrschen nach wie vor den politischen Raum. Und,
Deutschland, als erstes Aufnahmeland in Europa, erweitert unaufhörlich seine Strategien zu einer Erschwerung der Aufnahme von Migrant*innen.

2016 war in dieser Hinsicht noch schwieriger, denn die Zahlen zeigen, dass in dieser Periode die Aufnahmekapazitäten für geflüchtete Menschen im Vergleich zu den Vorjahren um das Fünffache reduziert wurden. Und die Bedingungen für Aufgenommenen haben sich immer weiter vom Humanismus entfernt.
Dies findet übrigens auch in dem Bericht der Bundes­therapeutenkammer (BPTK) Beachtung, in welchem
steht: „Mehr als 40-50% der in Deutschland lebenden Geflüchteten leiden unter psychologischen Traumata.“

Die soziale Atmosphäre wird schwerer und die Frauen werden am meisten von den politischen Folgen verletzt! Das sind einige der Beweggründe, die die Aktivist*innen motiviert haben, ihren Verdruss im Inland zum Ausdruck zu bringen und sich dem Gegenstück dieser Abschoеtungspolitik, der Externalisierung z.B. durch Hilfen oder andere Pläne auf dieser Ebene, entgegen zu stellen. Afrika braucht die vollständige Unabhängigkeit – politisch, ökonomisch und energetisch. Es ist offensichtlich, dass Migration mehrere Faktoren hat, unter denen der wichtigste die schlechte internationale Politik bleibt, darin inbegriffen die Entscheidungen, die auf solchen Gipfeln wie dem der G20 getroffen werden.

Diese geflüchteten Frauen* hatten auf den Aufruf von Afrique Europe Interact für den 10. Juni gegen den G20 Gipfel in Hamburg reagiert. Das ist z.B. der Fall bei Dora, einer Frau aus Kamerun, die sich sehr offen und mit viel Energie per Mikrofon zu Wort meldete und erklärte: »Deutschland ist unter den politisierten Ländern das sexistischste, es nimmt keine Rücksicht auf die geflüchteten Frauen*, die in seinem Territorium leben. Zahlreich sind die, die voller Verzweiflung in einem traumatisierenden System überleben.«
Ein weiterer Beitrag von Natalie von NST (NoStressTour) erklärte ebenso: »Das Leben geflüchteter Frauen* im Lager in Deutschland ist psychologisches Gift, das die Frauen und ihre Kinder strategisch zerstört.«

Seit den letzten zwei Jahren haben das Sterben und die Selbstmorde geflüchteter Menschen in Deutschland einen Höchststand erreicht, dennoch gibt es bis heutzutage kein Zeichen dafür, dass sich die Situation verbessert!
Die Demonstration ging vom Potsdamer Platz los, vorbei am Checkpoint Charlie und erreichte schließlich den Oranienplatz. All diese Orte waren strategisch anvisiert um die Botschaft an möglichst viele Menschen zu tragen, einschließlich der Tourist*innen, die kommen um von der Freiheit zu profitieren, und auch um sich an all die Orte zu erinnern, die Siege über den Nazismus und den Kapitalismus beherbergt haben.
Die Polizei war bis zum Ende Teil der Demonstration und manche Botschaften wurden von den Frauen* auch direkt an sie adressiert, denn es ist möglich Polizist*in zu sein und trotzdem ein*e gute*r …

Eröffnung des Frauen-Internet­-Cafés »Women’s Space« in Berlin-Marzahn

Obwohl wir alle in einer Stadt leben und die Globalisierung uns viele Türen öffnet und unsere Neugier über andere Kontinente stillen kann, sehen wir sogar in Berlin täglich die soziale Trennung zwischen Einheimischen und Geflüchteten. Liegt es an der Intoleranz beider Seiten, sich der anderen Kultur gegenüber zu öffnen, oder spielen mehr Faktoren hier eine Rolle.

Geflüchtete haben es in Deutschland schwer, sich zu integrieren, da sie oft abgeschottet von der deutschen Gesellschaft in Lagern leben, ohne die nötige Information und Bildung zur Verfügung zu haben, die den Integrationsprozess erleichtern würden. Daher gründete der Refugee Emancipation e.V. ein Cyber-Café namens Women’s Space, das Geflüchteten, speziell Frauen*, helfen soll, diese Barrieren zu überwinden. Am 23. 5. wurde es eröffnet.

Ich erwische Ima Tchenkoue im Gespräch mit ihren Mit­arbeiterinnen im Café Women’s Space und sie gibt mir einen Moment ihrer wertvollen Zeit, um mir ein paar Fragen zu beantworten. Heute ist die Eröffnung des Cafés, die Stimmung ist heiter aber b­e s ­ timmt, denn alle sind neugierig, zu erfahren, was für Türen sich mit diesem Café öffnen. Sie erzählt mir, dass das nun das elfte Café dieser Art ist, das sie in Deutschland eröffnen, das dritte in Berlin, aber das erste, das auf Frauen* spezialisiert ist.

»Das Café ist mehr als nur ein Internet-Café, es ist ein Empowerment-­Zentrum«, erklärt Ima und nimmt noch einen Schluck von ihrem Tee. Ein Ort, an dem Frauen einen Zugang zum Inter­net bekommen, sich aber außerdem auch an Empowerment-­Workshops und Diskussionsrunden beteiligen können, um Erfahrungen auszutauschen. Ich schaue mich nach den Frauen um, die immer noch zusammen an dem Tisch sitzen, von dem ich Ima gerade entführt habe. Während sie sich heiter unterhalten und zusammen lachen, bekomme ich das Gefühl, dass sie sich gegenseitig Mut geben und einander stärken.

»Solche Orte sind selten«, fährt Ima fort, »an denen wir Geflüchteten uns die Zeit nehmen können, über unsere Perspektiven nachzudenken, uns gegenseitig bei zu treffenden Entscheidungen zu unterstützen und uns darüber auszutauschen, was wir eigentlich machen wollen.«

Dieses Café kann diese Bedürfnisse von Frauen erfüllen. Dank ihm können Sie zum Beispiel Treffen organisieren, Deutsch-Kurse machen, Ausdrucke für Behörden machen und andere Angebote wahrnehmen.
Sie fährt fort: »Für das reibungslose Funktionieren unseres Cyber­-Cafés sorgen wir drei Koordinatorinnen, Lamia aus Syrien, Faiba aus Afghanistan, und ich selber.« Sie öffnen täglich von 12 bis 18 Uhr montags bis freitags die Türen.

Ima hat eine klare Position zu geflüchteten Frauen* und Migrantinnen in Deutschland. Sie vertritt den Stand­­­
punkt, dass Frauen andere Fluchterfahrungen haben als Männer. Sie haben es insgesamt schwerer, da sie sich oft um die Kinder kümmern und sich oft im Heim zurück­ ziehen, was wiederum den Integrationsprozess erschwert. »Uns ist innerhalb dieser fünfzehn Jahre, in denen wir Internet-Cafés betreiben, aufgefallen, dass Frauen diese Angebote weniger wahrnehmen. Daher kam uns die Idee, einen Ort speziell für Frauen zu schaffen, wo sie die Möglichkeit haben, sich auszutauschen und gegenseitig
zu unterstützen.«

 

REFUGEES EMANCIPATION
WOMEN’S SPACE
MARZAHNER PROMENADE 45
12679 BERLIN 

 

 

«Unsere Rechte gemeinsam erkampfen» – Nadiye Ünsal im Porträt

 

Nadiye Ünsal ist Projektreferentin bei DaMigra e.V.
DaMigra agiert seit 2014 als bundesweiter herkunftsunabhängiger und frauen*­spezifischer Dachverband von Migrantinnen*organisationen. DaMigra ist parteipolitisch, weltanschaulich sowie konfessionell unabhängig. DaMigra versteht sich als Sprachrohr und Repräsentantin von 71 Migrantinnen*organisationen und setzt sich bundesweit für ihre Interessen in Politik, Öffentlichkeit, Medien und
Wirtschaft ein.

www.damigra.de

 

Ich bin Nadiye. Ich bin selbst Tochter von Gast­arbeiter*innen. Mein Vater kam Ende der 60er Jahre als Minder-jähriger nach Deutschland. Er ist wie so ein Urtyp von Arbeiter, weil er seit über 40 Jahren in derselben Fabrik arbeitet. Er ist seit Jahrzehnten in demselben Unternehmen und macht dieselbe Arbeit. Er ist in der Traktorindustrie tätig. Meine Eltern sind klassische Menschen aus Zentralanatolien, die im Dorf
gelebt haben und dann nach Mannheim in Baden-Württemberg ausgewandert sind, um hier eine bessere Zukunft für sich zu haben. So wie es vielen Leuten heute auch geht, dass sie kommen, um mehr Möglichkeiten für sich und ihre Familie zu haben.

Ich bin die erste Tochter von diesen zwei Menschen. Ich bin in Mannheim geboren und dort zur Schule gegangen. Ich habe dort mein Abitur gemacht – als Erste in der Familie. Dann habe ich studiert, weil meine Eltern das natürlich schon erwartet haben von mir. Weil sie nicht wollten, dass ich auch so arm und mittel­los wie sie aufwachse. Ich habe Kulturanthro­pologie und Migrations­forschung studiert und viel gelernt: über die Geschichte von »Gastarbeitern« und Geflüchteten, über die Politiken der Europäischen Union und Deutschland; darüber, wie Arbeiter behandelt werden in Deutschland und über Rassismus und Diskriminierung.

Bereits in sehr jungen Jahren habe ich angefangen, Protest zu machen. Der erste Protest, den ich mitgemacht habe, war 2001 gegen den Irak-Krieg. Da gab es Demonstrationen und ich bin einfach hingegangen. Die nächsten Proteste, die ich mitgemacht habe, waren wegen dem Studium. In Frankfurt am Main, wo ich studiert habe, da wollten die Studiengebühren für alle einführen, und ich wusste: Wenn diese Studiengebühren kommen, dann können wieder nur die weißen, deutschen oder europäischen, reichen
Leute studieren und wir alle – Migrant*innen oder Ausländer*innen oder eben Menschen, die aus dem Globalen Süden nach Deutschland kommen zum Studium – können dann nicht mehr studieren, weil es zu teuer ist. Und so habe ich bei vielen Protesten mitgemacht, aber immer als Individuum. Ich hatte keine Gruppe oder so, weil ich mich auch mit den meisten Studierenden-Organisationen nicht so wohl gefühlt habe. Die waren auch sehr »deutsch«. Ich konnte mich nicht mit ihnen identifizieren. Ich habe dann zwischendurch in der Türkei gelebt und dort studiert – sozusagen in dem Herkunftsland meiner Eltern. Das war ganz gut. Und dann kam ich nach Berlin, um meinen Master abzuschließen.

2011 ist dann ein Skandal öffentlich geworden: Zehn Jahre lang wurden Migranten von Nazis ermordet. Das ist bekannt als NSU-Skandal. Als ich das in den Zeitungen gesehen habe, war ich sehr schockiert: Nazis haben Geld vomdeutschen Geheimdienst bekommen, damit sie Waffen haben und solche Menschen wie meinen Vater umbringen können. Das hat mich sehr wütend gemacht. Ich habe angefangen, mich in einer Gruppe zu organisieren: mit Migrant*innen, aber auch anderen Menschen mit Rassismuserfahrungen. Seitdem bin ich im Bündnis gegen Rassismus aktiv und mache Aktionen gegen Rassismus und das Europäische Grenzregime. Dann kam auch schnell das Oranienplatz-Protestcamp, wo ich auch beteiligt war und viele Aktionen mitgemacht habe. Ich habe dort auch viel Polizei­gewalt und Gewalt gegen Geflüchtete gesehen. Das hat mich alles sehr politisiert.

Jetzt bin ich immer noch in kleinen Gruppen und im Bündnis gegen Rassismus aktiv. Ich mache auch immer noch Politik, nicht nur mit Geflüchteten, sondern versuche auch mit Familien zu arbeiten, die von rassistischen Morden betroffen sind und die immer noch für ihre Rechte kämpfen. Der Kampf um Rechte inspiriert mich sehr, weil wir als Menschen, die hier nicht als Deutsche gesehen werden, immer um unsere Rechte kämpfen müssen. Und das ist meine Verbindung zu den Geflüchtetenkämpfen. Ich habe nie das Asylverfahren durchlaufen, aber ich weiß, was es heißt, wenn man nicht einfach alles geschenkt bekommt und wenn man für seine Rechte erst kämpfen muss. Und deswegen freue ich mich immer, wenn ich mich gerade auch mit geflüchteten Frauen* und Migrant*innen zusammentun kann, weil wir von vielen Diskriminierungen gleichzeitig betroffen sind und viele Rechte gleichzeitig nicht bekommen. Zum Beispiel auch die hinterlassenen Frauen der NSU-Morde, das sind alles türkeistämmige Ehefrauen, die jetzt ohne Familie, ohne Opferrechte oder Entschädigungen vom Staat dastehen. Und viele geflüchtete Frauen* kommen auch ohne Familie hier an, oder sie sind getrennt von ihrer Familie, und sie müssen sich trotzdem um ihre Familie sorgen. Ich denke, wenn wir unsere Schicksale gemeinsam erzählen, haben wir eine größere Stärke, um unsere Rechte gemeinsam zu erkämpfen und diese Gesellschaft für unsere Themen zu
öffnen. Damit sie endlich versteht, dass wir schon immer da waren und dass wir immer da sein werden.

Miriam Gutekunst

Abtreibung in Deutschland

Hallo, liebe Leserin,

in dieser Ausgabe möchten wir über das Thema Schwangerschaftsabbruch sprechen. Vielleicht bist du ungewollt schwanger geworden und überlegst, ob du das Kind bekommen magst oder nicht. Es ist dein Körper und nur du kannst darüber entscheiden. Vielleicht gibt es Leute, die dich dafür verurteilen, aber sie müssen ja weder das Kind austragen noch gebären noch großziehen, deshalb ist es doch logisch, dass nur du darüber entscheiden kannst, ob du das Kind nun bekommen möchtest oder nicht.

Im Folgenden möchten wir über rechtliche und medizinische Aspekte zu dem Thema sowie über die Möglichkeit der Kostenübernahme informieren, damit du weißt, was auf dich zu­kommt, wenn du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidest. Wir hoffen, dass dir die Informationen weiter­helfen.
Der Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland zwar eigentlich gegen das Gesetz, bleibt aber unter bestimmten Bedingungen straffrei, wenn:

• du dich als schwangere Person mindestens drei Tage vor dem Schwangerschaftsabbruch in einer dafür anerkannten Beratungsstelle beraten lässt. Diese Beratung muss bescheinigt werden.

• seit der Empfängnis nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sind und

• ein*e Ärzt*in den Schwangerschaftsabbruch durchführt, der*die nicht der*die gleiche Ärzt*in ist, der*die die Beratung durchgeführt hat.

Es gibt Beratungsstellen, die deine Entscheidung nicht in Frage stellen werden. Es gibt jedoch auch welche, die versuchen, deine Entscheidung zu beeinflussen. Wichtig ist, dass du dich mit deiner Beraterin wohl fühlst. Falls dies nicht der Fall ist, kannst du auch zu einer anderen Beratungsstelle gehen.
Beispiele für Schwangerschaftsberatungsstellen, bei denen positive Erfahrungen gemacht wurden, sind: www.schwangerschaftsberatung-balance.de und www.profamilia.de

Verfügst du über kaum oder nur geringes Einkommen, hast du einen Anspruch auf Kostenüber­nahme. Der Schwangerschaftsabbruch ist zwar »keine Leistung nach dem AsylbLG, AsylbLG-Bezieherinnen können aber als nicht gesetzlich krankenversicherte Frauen die Kostenübernahme mit einem Einkommensnachweis (AsylbLG-Bescheid) gemäß § 19 i.V. mit § 21 Abs. 1 »Schwangerschaftskonfliktgesetz« bei einer gesetzlichen Krankenkasse am Wohnort beantragen. Die zu diesem Zweck frei wählbare Krankenkasse
muss »unverzüglich« den Kostenübernahmebescheid ausstellen. Das Bundesland erstattet dann der Krankenkasse die Kosten«. Das heißt, du gehst mit einem Beleg über dein Einkommen zu einer beliebigen Krankenkasse. Diese Krankenkasse muss dir einen Bescheid darüber geben, dass sie die Kosten
zur Behandlung übernehmen.

Eine Schwangerschaft kann medikamentös oder operativ unterbrochen werden. Beide Verfahren sind sicher und effektiv. Anhand des Schwangerschaftsalters und deiner Präferenz wird gemeinsam entschieden, welches Verfahren für dich das Beste ist. Manche Kliniken bieten jedoch kein medikamentöses Verfahren an, obwohl sie das eigentlich sollten.

Wenn dir das passieren sollte, kannst du dich an eine andere Klinik oder Praxis wenden.

Das medikamentöse Verfahren

Das medikamentöse Verfahren ist besonders am Anfang der Schwangerschaft effektiv und darf bis zum 63. Tag nach der letzten Regelblutung durchgeführt werden. Insgesamt be­inhaltet es drei Besuche in einer Praxis oder Klinik. Beim ersten Besuch erhältst du drei TablettenMifegyne® (Wirkstoff: Mifepriston). Das ist ein Medikament, das ein Hormon hemmt, das wichtig ist, um die Schwangerschaft aufrecht zu halten. Dieses Hormon(Progesteron) wird auch als »Schwangerschafts­hormon« bezeichnet.

Ein bis zwei Tage später kehrst du zurück in die Praxis oder Klinik und erhältst zwei Tabletten mit dem Wirkstoff Prostaglandin. Dieses Medikament löst Wehen aus. Nach der Einnahme musst du 3-6 Stunden unter ärztlicher Beobachtung bleiben. Ungefähr 70 % der Schwangeren stoßen 3-4 Stunden später die Frucht ab. Die Wehen können schmerzhaft sein, du kannst jedoch Mittel gegen die Schmerzen bekommen. Vaginale Blutungen treten nach dem Abbruch auf. Sie können 8-17 Tage dauern und sind etwas stärker als normale Regelblutungen. Als weitere Nebenwirkungen können Übelkeit, Erbrechen und Krämpfe auftreten. Schwerwiegende Komplikationen sind jedoch sehr selten. 14 Tage später musst du nochmal zur Nachkontrolle. Allgemein dauert das medikamentöse Verfahren länger als das operative Verfahren.

Die Abstoßung der Frucht erleben Schwangere sehr unterschiedlich. Manchen gibt es das Gefühl, den Vorgang kontrollieren und bewusster mit der Abtreibung umgehen zu können, für andere ist es eher unangenehm, den eigenen Blutverlust und den Abgang der Frucht zu beobachten. 90 % der Schwangeren sind mit dem Verfahren zufrieden. Die Wirksamkeit liegt bei 98 %. Eine operative Ausschabung der Gebärmutter mit Entfernung von Resten des Mutterkuchens (Nachkürretage) ist bei 2-3 % der Patientinnen* nötig, da das medikamentöse Verfahren nicht ausreichend gewirkt hat.

Das operative Verfahren

Der operative Schwangerschaftsabbruch erfolgt in der Regel ambulant, das heißt, du kommst am Morgen der Operation und kannst ein paar Stunden nach dem Eingriff wieder nach Hause gehen – am besten in Begleitung. Es gibt zwei Möglichkeiten den Eingriff durchzuführen. Es kann eine Vollnarkose durchgeführt werden.

Das bedeutet, dass du ein Medikament über die Vene bekommst, dass dich einschlafen lässt und du während des Eingriffs schläfst. Die andere Möglichkeit ist, dass du eine lokale Betäubung am Muttermund erhältst und während des Eingriffs wach bist. Die eigentliche Operation dauert nur etwa 10 Minuten. Am häufigsten wird eine Methode angewandt, bei der die Frucht und die Gebär­ mutterschleimhaut abgesaugt werden. Um die Absaugung zu ermöglichen, muss der Gebärmuttermund zuvor vorsichtig erweitert werden.

Nach dem Eingriff kommt es über einige Tage zu vaginalen Blutungen. Falls sehr starke Blutungen, Schmerzen, Fieber über 38.5°C oder schlecht riechender Ausfluss auftreten sollten, solltest du deinen Arzt oder deine Ärztin aufsuchen.
Eine Kontrolluntersuchung nach der Operation soll 7-10 Tage danach stattfinden. Nach beiden Methoden ist es wichtig, sich zu schonen.

Es kann auch gut sein, vor dem Schwangerschaftsabbruch mit Freund*innen und Verwandten abzusprechen, wer dich in der Zeit unterstützen kann.
Um Komplikationen, die durch den Abbruch entstehen können, zu vermindern, ist es ratsam, dass die ersten
Tage danach nichts in deine Vagina gelangt. Am besten du verzichtest, solange die Blutung dauert, auf Bäder und Geschlechtsverkehr und benutzt statt Tampons Binden.

Verbena Bothe